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Rückblick: Mittelalterreben und Gemischter Satz treffen auf WiesenObst

Historische Rebsorten und alte Streuobstsorten im Dialog


Jörg Geiger, Jochen Beurer (vom gleichnamigen VDP- und Demeter-Weingut in Stetten im Remstal) und Matthias Braun aus Hemmingen luden gemeinsam am 29. April 2018 zu einer kulinarischen Reise in die Welt der alten Reb- und Obstsorten in die Manufakturvon Jörg Geiger nach Schlat bei Göppingen ein.


Eingetaucht wurde als erstes mit einem wunderbaren Aperitif in die Streuobstwelt von Jörg Geiger. Weitergeführt wurde mit einem Brückenschlag zum Projekt „Rettet die Reben – Rekultivierung mittelalterlicher Rebsorten im Remstal“ von Jochen Beurer mit einem Film zu seinem Projekt. Hierbei wurde insbesondere über die mittelalterliche Anbautechnik, den Gemischten Satz in der 3-Schenkel-Technik und den Pfahlweinberg berichtet, ebenso über das dortige Trockenmauerprojekt im Mittelalterweinberg von Jochen Beurer

unterhalb der Y-Burg in Stetten im Remstal. Anschließend wurde sein 2016er Gemischter Satz zur Verkostung präsentiert. Dieser Wein beinhaltet über 20 verschiedene (weiße und rote) historische Rebsorten (wie Gelber Orleans, Weißer Heunisch, Roter Veltliner, Räuschling, Blauer Affenthaler etc.), die im Mittelalterweinberg von Beurer angebaut werden.


Nach dem Einstieg in die Welt des Gemischten Satzes nahm Matthias Braun aus Hemmingen, der sich in seiner Freizeit u.a. mit der Geschichte des Anbaus von historischen Rebsorten seit dem Mittelalter beschäftigt, die Besucher mit auf eine Zeitreise in die

unbekannte Welt dieser Reben mit ihren exotischen Namen, komponiert im Duett mit einem Schuss aus Vortrag und Verkostung im Rahmen einer kleinen Weinprobe. Braun hat hierzu als Apero einen Sekt vom Weißen Elbling präsentiert sowie 5 verschiedene weitere Weine seltener Rebsorten. Mit dabei waren Weißer Heunisch und Weißer Traminer (im 16. Jh. war der Maulbronner Eilfingerberg flächendeckend damit bestockt; auch wurde der Esslinger Steuberwein daraus gekeltert, gewachsen unterhalb der Esslinger Burg), sowie die Rotweinsorten Fränkischer Burgunder, Arbst und Blauer Scheuchner (alias Zinfandel/Primitivo). Der Blaue Scheuchner wurde anfangs 2000 an der Badischen und der Hessischen Bergstraße in sehr alten Beständen (200jährige Rebbstände) entdeckt. Diese Funde waren sensationell, denn die Sorte hätte in Deutschland keiner vermutet. Sie ist identisch mit dem kalifornischen Zinfandel und dem Primitivo aus Apulien und stammt ursprünglich aus slawischen Regionen.


Hauptbestandteil des nachmittäglichen Vortrags von Matthias Braun waren u.a. die historischen Rebsorten in Württemberg seit dem Spätmittelalter. Seit dem 16. Jh. waren vornehmlich die Rebsorten Heunisch und Elbling verbreitet, ab dem 17. Jh. dann Silvaner und Putzscheere (damals bekannt als sogenannte „Vitis Vinifera misera“, übersetzt: die Elende), aber auch der Urban, ab dem 18. Jh. dann der Trollinger. Auch konnte erfahren werden, dass der Weiße Heunisch, der Weiße Traminer und der Burgunder die drei Ur- und Stammsorten unserer heutigen Sorten sind.


Abgerundet wurde die nachmittägliche Reise durch Jörg Geiger mit einer abschließenden Exkursion durch die Schlater Streuobstwiesen, mit ihren uralten und über 150 Jahre alten Birnbaumriesen (Sorten wie Große Rommelter, Palmischbirne, Grüne Jagdbirne und Champagner Bratbirne), aber auch Bäume der alten Apfelsorten wie Luikenapfel, Gewürzluike oder der Goldparmäne waren zu sehen. Ein Zwischenstopp am „Hüttle“ mit einer wunderbaren Verkostung der Priseccos und Schaumweine der alten Obstsorten inmitten der Streuobstwiesen wurde natürlich eingelegt. Jörg Geiger hat in hochinteressanter und spannender Art und Weise über die Streuobstwiesen, die alten Sorten und die dort wachsenden (Heil-)Kräuter, die er u.a. für seine Priseccos verwendet,
erzählt.


Für den Abend wurde zu einer „Triologie“ (Geiger/Beurer/Braun) aus Leidenschaft und Tradition eingeladen, bestehend aus einem hervorragenden sechsgängigen Menü, abgestimmt und begleitet mit flüssigen Produkten aus alten WiesenObstsorten von Jörg
Geiger und den Sponti-Weinen (spontan vergoren ohne Zugabe von Reinzuchthefe) von Jochen Beurer. 
Matthias Braun erzählte

in den Menüpausen zur Geschichte und Historie der kredenzten Rebsorten (Riesling, Grauburgunder, Lemberger sowie der Schwarze Urban vom Weingut Bernhard Ellwanger, Großheppach).


Interessant war, dass der Riesling bereits als historische Rebsorte eingestuft werden kann, denn er wurde 1435 bereits erstmals urkundlich in Rüsselsheim erwähnt (in einer Rechnung über Rißling-Setzlinge).


Der Grauburgunder (bekannt auch als Ruländer), als einer der vielen Burgunder-Klone, war bereits im 16. Jh. im Südwesten verbreitet und wurde 1711 von einem Kaufmann Ruland in einem verwilderten Garten bei Speyer entdeckt.


Über den Lemberger, bekannt auch unter dem Namen Blaufränkisch, hat Braun ebenfalls kurz berichtet. Interessant war die Tatsache, dass dieser erst seit 1853 bekannt ist (erwähnt in einem Protokoll der Sitzung der Versammlung der Obst- und Weinproduzenten in Karlsruhe). Als Elternsorten wurden per DNA-Analyse der Heunisch und erst vor kurzem die Blaue Zimmettraube ermittelt.


Der Schwarze Urban ist der beste von den noch insgesamt 3 existierenden Ausführungen der Rebsorte Urban (es gibt noch den Roten und den Blau-Roten) und hat im Anbau als Historische Rebsorte großes Zukunftspotential. Er erbringt einen tiefschwarz-violetten Wein, mit einer wunderbaren Beeren-Aromatik, und geht in Richtung „Südwein“ mediterranen Ursprungs. Kein Wunder, verfolgt man die Geschichte des Urbans, geht diese zurück in seine Heimatregion Kroatien.

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Kein Genuss ist vorübergehend, denn der Eindruck, den er zurücklässt, ist bleibend.